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Corona & Schulöffnungen 1/2: Altes auf Abstand – oder Zeit für Neues Lernen?

Gedanken zur Schulöffnungsdiskussion während Corona

Einen Meter fünfzig Abstand zwischen den Tischen. Unterricht im Schichtsystem, ein paar Stunden am Tag. Man möge die Sommerferien kürzen. Oder gleich die Schulzeit verlängern, am besten um ein Jahr. Oder doch mehr? Förderschulen können ja zu bleiben, die Kinder lernen ja eh’ nichts (1). 

Ein Zehntklässler kommt zu spät zum Unterricht, weil er zu Fuß zur Schule kommt, um seine Eltern nicht durch Nutzung der Öffentlichen zu gefährden, und die Zeit noch nicht richtig einschätzen kann (Seyfu Köse über Twitter).  

Ein 13-Jähriger soll jeden zweiten Tag in die Schule, für wenige Stunden. Seine Freunde sieht er nicht, einer ist in der Risikogruppe und bleibt zuhause, der andere in der anderen Lerngruppe. Er muss mit den Öffentlichen fahren und hat Angst (Facebook-Kommentar auf den Artikel im Economist zu Schulöffnungen). 

Über Schul- und Kita-Öffnungen in Zeiten von Corona wird gerade (4. Mai 2020) auf verschiedenste Weise trefflich gestritten. 

Vier Punkte fallen auf im Diskurs: 

Erstens: weder die betroffenen Kinder und Jugendlichen, noch ihre Eltern, noch ihre Lehrkräfte oder Schulleitungen kommen irgendwo systematisch zu Wort. Es scheint, dass wieder die Jürgen und Thomasse, die Christians und Achims, darüber entscheiden, was Kinder und Familien brauchen, deren Lebensrealität den genannten Namensträger offenbar sehr fern ist (vgl. Replik zur Leopoldina hier). 

Ein eindringliches Beispiel dafür ist, in den Grundschulen mit den Abschlussjahrgängen zu starten – 4. bzw.  6. Klassen. Das allerdings sind die Klassen, die keinen Unterricht mehr benötigen. Die Empfehlungen sind geschrieben, die Plätze in den weiterführenden Schulen zugesagt oder zumindest dafür angemeldet. Hier herrscht kein Bedarf – worüber aber offenbar die Entscheider keine Kenntnis haben. Ebenso haben sie offenbar keine Kenntnisse über die räumlichen Möglichkeiten von Schulen – in denen Präsenzunterricht nach moderner Pädagogik unter Einhaltung der Hygienevorschriften meist nicht durchführbar ist.

Ein weiteres Beispiel ist, dass die Kinder mit besonderen Förderbedarfen überhaupt nicht erwähnt, scheinbar noch nicht mal mitgedacht werden, weder in inklusiven Settings noch in Förderschulen. Sie finden meist einfach keine Erwähnung (s. Fußnote 1). 

Zweitens: die bisher vorgelegten Konzepte zu Schulöffnungen von Seiten der Politik beschränken sich, in meiner Wahrnehmung, fast ausschließlich mit Hygienevorschriften und organisatorischen Maßnahmen. Weiterführende Gedanken, was Lernen – nicht Schule, Lernen! – eigentlich bedeutet, worauf es jetzt ankommt in dem, was Kinder lernen, und wie langfristig Lernen aussehen kann, wenn Anwesenheit in einem physischen Gebäude nicht mehr der (alleinige) Kern ist, fehlen oft völlig (2).

Kinder lernen: miteinander, nicht nur mit dem Kopf, sondern eben auch mit den Händen und dem ganzen Körper. Die Spielplätze sind wieder offen – und man merkt, wie sehr Kinder genießen, sich zu bewegen und auch: zusammen zu sein. Aber schon da zeigt sich: Abstand halten geht nicht, wenn man Kindern zugesteht, Kinder zu sein. Das allerdings tun die Entscheider, so scheint es, nicht. Physisch in der Schule zu sein heißt nicht automatisch zu lernen. Und was wir Kindern ermöglichen sollten, ist das Lernen, auch miteinander und voneinander – und auch das: allen Kindern, gleich welcher Alterstufe, mit und ohne Förderbedarfe. “Beschult werden” reicht nicht. 

Drittens: obgleich das Recht auf Bildung sowie soziale Interaktionen als Grund genannt werden, merkt man der Debatte und insbesondere denen, die sie führen, wie Lindner oder Laschet, oder auch dem Economist an, dass es nicht in der erster Linie um Lernen geht – sondern darum, dass die Wirtschaft in großen Teilen immer noch sehr selbstverständlich vom “ideal worker” (Schulte 2014: 76 ff.) ausgeht, in dem wie sie funktioniert (3).

Das Konzept des “Ideal Workers”, wie Schulte es formuliert, lautet, etwas überspitzt: Frauen sind solange okay am Arbeitsplatz, wie sie genauso funktionieren wie ledige oder alleinverdienende Männer, auf eine Weise, die den Rest des Lebens – insbesondere Care-Arbeit – vollständig ignoriert. Deshalb braucht es – jenseits des nicht abzustreitenden Bildungsauftrages – die Ehrlichkeit seitens der Wirtschaft und Politik, dass Kita & Schule einen Betreuungsauftrag wahrnehmen (selbst, wenn sie offiziell nicht haben). Zu diesem Gebaren, mit dem Konzept des  “ideal worker”  zu arbeiten, das aber nicht offen zu sagen, passt, dass keine schlüssigen Konzepte von Seiten der Politik und der Wirtschaft vorgelegt werden, wie die Mehrfachbelastung Arbeit/ Homeoffice – Kinder/ Homeschooling/ Kita-Ersatz organisatorisch und/ oder finanziell gestemmt werden soll. Auch hier gilt, dass Kinder und Jugendliche mit Förderbedarfen nicht mitgedacht worden sind: es fehlen etwa systematische Konzepte zur Schulbegleitung im Homeschooling etc. (4).

Viertens: Last, but not least – die epidemiologische Sinnhaftigkeit von Schul- und Kitaöffnungen wird kaum angesprochen, selbst die existenten hilfreichen Studien (Drosten am 29.4.2020 und Studie in der Science) werden bisher nicht systematisch herangezogen. 

Alles in allem ergibt sich für mich folgendes Bild, selbstverständlich stark vereinfacht: 

Die Wirtschaft erhofft  sich – trotz der Warnungen der Virologen – eine schnelle Rückkehr in einen Normalzustand nahe Prä-Coronazeiten. Das funktioniert nur, wenn Arbeitskraft wie bisher ohne Berücksichtigung von Care-Arbeit eingesetzt werden kann. Deshalb müssen aus Sicht der Wirtschaft und der von ihr getriebenen Politik Kitas und Schulen schnellstmöglich wieder geöffnet werden. Dabei steht, wenn man die Konzepte der Schulen basierend auf den Hygienevorschriften der Länder ansieht, nicht Lernen und soziales Miteinander, sondern Beschulung – in der Schule anwesend sein – im Vordergrund (5). Dieses Ziel wird, so scheint es, ohne Rücksicht auf epidemiologische Sinnhaftigkeit und Praktikabilität für Kinder, Jugendliche und Familien sowie Schulen verfolgt. Gleichzeitig werden sämtliche Vereinbarkeitsfragen auf dem Rücken der einzelnen ausgetragen, ohne jegliche systemische Unterstützung, und das, obwohl Eltern derzeit fraglos einen der größten solidarischen Beiträge zur Verlangsamung des Virus leisten (6). Und gleichzeitig wird dieses wirtschaftliche Ziel mit z.T. nur zwei Stunden am Tag oder gar in der Woche, auch nicht erreicht – ein hoher logistischer Aufwand für was dann?

Dieses Vorgehen ist zum Einen ausgesprochen gefährlich, im schlimmsten Fall fatal. Wie Drosten und sein Team zeigen, ist die “viral load” von Kindern, soweit man es bisher sagen kann, genau so hoch wie die von Erwachsenen. Ja, Kinder stecken sich weniger leicht an (Science-Studie). Aber die viral load ist bei asymptomatischen Kindern höher als bei solchen mit Symptomen. Die Folgen bei Schulöffnungen kann man sich leicht ausrechnen. 

Zum Anderen hat der ungebremste, undurchdachte Aktionismus mit Hygienestandards etc. aber zwei Folgen, die meines Erachtens in ihrer Reichweite langfristig nicht weniger fatal sind als das Ignorieren epidemiologischer Hinweise. 

  • Wenn Schulleitungen und Lehrkräfte damit beschäftigt sind, komplexe und oft undurchführbare Hygienepläne zu entwickeln, dann haben sie keine Zeit und keine Ressourcen für ihr Kerngeschäft: Kinder zu motivieren zu lernen und sicherzustellen, dass sie alles haben, was sie brauchen, um lernen zu können: genug zu essen. Einen Arbeitsplatz. Eine sichere Umgebung. Aufgaben und Ziele, die sie motivieren und voranbringen. 
  • Wenn Schulleitungen und Lehrkräfte damit beschäftigt sind, Präsenzunterricht für eine kleine Zahl an Kindern und Jugendlichen unter hochgradig erschwerten Bedingungen durchzuführen, dann haben sie keine Zeit und keine Ressourcen dafür, tragfähige, kluge Konzepte zu entwickeln, was Lernen – im Gegensatz zum Abarbeiten von Stoff – im 21. Jahrhundert bedeutet (Stichwort 21st century skills), wie Lernen langfristig aussehen kann, wenn es auch digital stattfinden soll, wie man den unterschiedlichen Anforderungen sowohl an die Kinder & Jugendlichen als auch an die Fächer gerecht werden soll, was soziales Lernen heißt, wenn bisherige Umgangsformen in dieser Form nicht mehr durchführbar sind etc. 

Keine Zeit und keinen Raum zu haben für diese beiden Punkte bedeutet, dass die Schulöffnungen  drohen, gerade denen besonders zu schaden, deretwegen sie – zumindest rhetorisch – stattfinden sollen: benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Denn um sie, ihre Bedarfe und ihren Lernfortschritt müssten sich Lehrkräfte jetzt besonders kümmern. Schulöffnungen, wie sie derzeit geplant sind, nehmen dafür den Raum. 

Weiter zu Teil 2/ 2 

Anmerkungen

1  Auf die Tatsache, dass weder Inklusion noch Kinder mit Förderbedarfen und ihre Familien noch Förderschulen systematisch gerade bei Thema Öffnungen und Bildung insgesamt mitgedacht werden, gibt es diverse Beiträge, die die systematische Benachteiligung aufzeigen, z.B. ein Interview mit Tina Sander von mittendrin e.V., die sich auch hier in einem offenen Brief an Ministerin Gebauer geäußert haben, und im Spiegel

2 So macht Sattelberger in seinem Positionspapier zum Recht auf Bildung zwar wesentliche Punkte auf, wie die Förderung benachteiligter Schüler*innen, nennt als Beispiele aber vorrangig technische oder organisatorische Lösungen, etwa das Bereitstellen von Einzeltischen in Turnhallen (die es nicht immer gibt …), die die pädagogischen und didaktischen sowie Beziehungsfragen ausklammern.

3 Auffällig ist etwa in dem Papier von Sattelberger, dass ein Entgegenkommen der Wirtschaft in Bezug auf die Doppelbelastung für Eltern nicht angesprochen wird. 

4  Vgl. dazu aktuell Sanders und Ehlers

 5 Für die Kitas s.u. Fußnote 7.

 6 Die Science-Studie (s.o.) spricht davon, dass die Schließung der Schulen alleine den Peak des Ausbruches um 40-60% reduziert hat. 

7  Dasselbe gilt, epidemiologisch, für Kita-Öffnungen. Kitas sind allerdings nicht durch digitale Formate zu ersetzen – hier braucht es in erster Linie mehr Erkenntnisse zur Rolle von Kindern in Covid-19 – und dann ganz andere Überlegungen, wie Kita unter diesen Umständen funktionieren kann, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Kinder völlig anders miteinander agieren Hygienevorschriften und Abstandsregeln in diesem Kontext nicht umsetzbar sind; gleichzeitig aber auf frühkindliche Bildung nicht verzichtet werden kann und darf. 

Literatur

Jachmann, Michael (2003). Noten oder Berichte? Die schulische Beurteilungspraxis aus der Sicht von Schülern, Lehrern und Eltern.

Schulte, Brigid (2014). Overwhelmed.

Foto: Privat.

Published inCoronaInklusionUncategorized

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