Skip to content

ich sehe was…

Last updated on 14 February 2020

Kennen Sie das? Eine Videokonferenz ist geplant, alles sollte ganz einfach sein – und dann macht die Technik Ihnen einen Strich durch die Rechnung und Sie können Ihren Gesprächspartner zwar sehen – aber nicht hören. Sie sehen, dass er die Lippen bewegt, das ein oder andere Wort können Sie erahnen – aber verstehen können Sie sich gegenseitig nicht. 

Was haben nicht funktionierende Videokonferenzen mit Inklusion zu tun? 

Viel. 

Um das Thema Inklusion von gehörlosen Menschen wird häufig noch ein großer Bogen gemacht. Das hat mehrere Gründe. Einer der wichtigsten: im Gegensatz zu etwa Blindheit, einer motorischen oder geistigen Behinderung, Hochbegabung oder ähnlichem gibt es in Bezug auf gehörlose Menschen etwas, was grundsätzlich anders ist. Im Englischen wird das in der Schreibweise unterschrieben: deaf – das sind Menschen, die nicht hören. Aber Deaf – groß geschrieben – sind Menschen, die Teil der Deaf Culture sind. Ihre Mutter- und Alltagssprache ist die Gebärdensprache. Während Brailleschrift oder Unterstütze Kommunikation Hilfsmittel sind, ist die Gebärdensprache das nicht – sie ist eine Sprache, die genauso wie Lautsprache im Sprachzentrum im Gehirn verarbeitet wird (cf. Oliver Sacks, Seeing Voices). Ihre Sprecher haben oft ein besonders ausgeprägtes räumliches Wahrnehmungsvermögen. Wer Gebärdensprache spricht, verfügt über eine hochdifferenzierte Sprache, die mindestens zwei Vorteile hat: 

  • so gibt es zwar verschiedene Gebärdensprachen und auch Dialekte – aber die Sprecher zweier auch sehr unterschiedlicher Gebärdensprachen können vergleichsweise schnell miteinander auch auf einem höheren Niveau kommunizieren (Zeshan 2015).
  • Wer gebärdet, kann durch geschlossene Fenster und über Bildschirme kommunizieren, über lange Entfernungen und auch dann, wenn es zu laut ist für Lautsprache. 

Genauso, wie die gleiche Lautsprache zu sprechen einen gewisse Verbindung schafft – nicht umsonst spielt in Expat-Communities die gemeinsame Sprache eine große Rolle – gilt das auch für die Gebärdensprache. Und insofern umso mehr, als es lange gedauert hat, bis der Status von Gebärdensprache als Sprache, nicht als Hilfsmittel, anerkannt worden ist. 

Sowohl die Entwicklung, dass viele Kinder inzwischen CI – cochleare Implantate – bekommen und damit hören können, als auch schulische Inklusion werden deshalb offenbar von vielen Gebärdenmuttersprachler*innen eher als Bedrohung denn als Chance wahrgenommen. Dazu kommt, dass allenfalls von einer nominellen Inklusion die Rede sein kann, wenn ein gebärdendes Kind ausschließlich über einen Gebärdensprachdolmetscher*innen im Schulalltag kommunizieren kann. 

Wie wäre es deshalb, Inklusion hier viel umfassender zu verstehen und Gebärdensprache als reguläre erste, zweite oder dritte Fremdsprache in Schule anzubieten? Weil sie, wie Englisch, Kommunikation auf ganz neue Arten und Weisen ermöglicht. Nicht nur, dass es dann endlich eine Selbstverständlichkeit wäre, dass Hörende und Gehörlose ohne Dolmetscher*innen selbstverständlich miteinander sprechen können. Zusätzlich wäre dann z.B. möglich, eine Telefonkonferenz auch bei fehlendem Ton durchzuführen. Ein Gespräch übers Handy auch dann sinnvoll zu führen, wenn die Umgebungsgeräusche zu laut sind, um sich zu verstehen. Mit der Softwareingenieurin in China auch dann sinnvoll über die Computerprobleme zu reden, auch, wenn der/ die eine Gesprächspartner*in nur Deutsch und Englisch spricht und die andere nur Kantonesisch und Mandarin. 

Natürlich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Menschen die Sprache von dem Land, in dem sie leben, lernen und darin kommunizieren. Das gilt, wie für die jeweiligen Lautsprachen, auch für alle Menschen, die Gebärdenmuttersprachler*innen sind. Und gleichzeitig gibt Gebärdensprache, als viel globalere Sprache als jede Lautsprache, jedem*r die Möglichkeit, in größerem Maße als bisher in der Welt zu Hause zu sein und miteinander ins Gespräch zu kommen. 

In diesem Sinne könnte Inklusion so auch allen Lautmuttersprachler*innen helfen, die Welt neu und anders zu entdecken – und dabei gleichzeitig dazu beitragen, dass die reiche Deaf Culture lebendig bleibt und sich die Kulturen gegenseitig bereichern. Und dass die nächste Videokonferenz allen Tücken der Technik zum Trotz ergebnisreich wird. 

Literatur

Sacks, Oliver (1989). Seeing Voices.

Zeshan, Ulrike (2015). “Making meaning. Communication between sign-language users without a shared language”. Cognitive Linguistics (26) 2:211-216.

Published inGebärdensprache

Be First to Comment

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *